Archivgut Vorlass

Frances N. NL 36

September 1939 bis April 1971

Weitere Informationen

Einrichtung: Sammlung Frauennachlässe | Wien
Jahr: September 1939 bis April 1971
Sprache: Deutsch
Beschreibung:

Orte: Wien; Bruxelles (Brüssel) und Merksplas in Belgien; St. Cyprien in Frankreich; London in Großbritannien


Quellentypen: Tagebuch (Jugendtagebuch, während dem 2. Weltkrieg geführtes Tagebuch, Brieftagebuch, Tagebuch in der Emigration): 4 Bände; Korrespondenz (Familienkorrespondenz, Korrespondenz aus der Gefangenschaft, Korrespondenz aus der Emigration, Korrespondenz aus dem KZ): 46 Schreiben (z.T. in Kopie); 2 amtliche Dokumente; 3 Fotografien (Reproduktionen)


Zum Bestand: Adressatin: Frances N. (geb. Franziska H.); geb. 1923 in Wien

Schreiberin: Irma H. (geb. S.); geb. 1889 in Wien, gest. 1941 in Minsk in der Sowjetunion

Schreiber: Leopold H.; geb. 1912 in Wien, Todesdaten unbekannt

Übergeberin: Frances N., 2001-2007



Die zwischen 1939 und 1941 verfassten Korrespondenzen der Familie H. dokumentieren die Situation einer jüdischen Familie aus der Wiener Mittelschicht während der NS-Zeit. 1939 flüchtete die damals 16-jährige Frances N. (geb. Franziska H.) mit einem "Kindertransport" nach Großbritannien. Ihre Eltern, die eine Werkstatt für Lederschmuck betrieben haben, hatten von Wien aus per Annonce eine Stelle als Kindermädchen bei einer Familie in London für sie gefunden. Ihr um 11 Jahre älterer Bruder Leopold H. war bereits im Jahr zuvor nach Frankreich emigreirt. Als es ihrer Arbeitgeberin nicht weiter möglich war, eine „feindliche Ausländerin“ zu beschäftigen, wurde Frances N. in einem Heim für geflüchtete Frauen und Mädchen untergebracht und arbeitete nun in einer Puppen- und Schuhwerkstatt, später in einer Lederfabrik. 1941 wurde Frances N. zum Kriegsdienst verpflichtet und trat in die britische Armee ein. Bis 1946 war sie Mitglied im Auxiliary Territorial Service, dabei aber nur zum Küchen- und Servierdienst im Regimentsspeisesaal zugelassen.

Die erhaltene Korrespondenz umfasst 21 undatierte Briefe, die Frances N. nach ihrer Flucht von ihrer Mutter Irma H. (geb. S.) und vereinzelt von ihrem Vater Ferdinand H. aus Wien in die Emigration erhalten hat. Ein Nachrichtenformular des Roten Kreuz ist mit 1. Juli 1940 datiert. Brieflich direkt mit Wien zu kommunizieren war nur innerhalb der ersten drei Monate von Frances N.s Aufenthalt in Großbritannien möglich. Nach Kriegsausbruch mussten die Eltern ihre an die Tochter adressierten Briefe an ihren Sohn in Belgien senden, der die Schreiben dann weitergeleitet hat. Dementsprechend sind manche davon auch an beide Geschwister gerichtet. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Belgien sendeten Irma und Ferdinand H. die Briefe über Bekannte in den USA. Mit Kriegseintritt der USA war auch diese Möglichkeit der schriftlichen Kommunikation zwischen Wien und London unterbunden.

In ihren Briefen beschreiben Irma und Ferdinand H. ihren zunehmend eingeschränkten Lebensraum, ihre Versuche der Emigration und ihr Wissen um die drohende Deportation. Die unmittelbare Gefahr, der beide im Holocaust ausgesetzt gewesen waren, wird dabei nicht direkt angesprochen. Im Jänner 1941 starb Ferdinand H., zehn Tage später hätte er in ein Konzentrationslager nach Polen deportiert werden sollen. Die Briefe der nun verwitweten Irma H. sind geprägt von Einsamkeit, die neben der ständigen Angst vor einer Deportation ihr Leben fortan zusätzlich bestimmt hat.

12 zwischen September 1939 und September 1940 datierte Schreiben sind von Leopold H. an seine Schwester gesendet worden. Der gelernte Radiomechaniker war zu dieser Zeit in Brüssel und Merksplas in Belgien in verschiedenen Flüchtlingslagern interniert. In seinen Briefen beschreibt er seine wiederholten Versuche, in die USA auszuwandern. Sein letztes Schreiben wurde in St. Cyprien am Fuße der Pyrenäen abgeschickt. Spätere Nachforschungen der Familie von Frances N. haben ergeben, dass Leopold H. im Folgenden in mehreren Lagern interniert gewesen ist, seine Spur hat sich vorerst aber verloren, wie in einem Schreiben der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien von Oktober 1946 angegeben ist. Inzwischen konnte folgendes recherchiert werden: Im März 1944 wurde Leopold H. von Drancy nach Auschwitz deportiert, im Jänner 1945 von dort nach Mauthausen, im Februar 1945 nach Flossenbürg.

Das Schicksal von Irma H. konnte bereits 1946 belegt werden. Entsprechend der Mitteilung der Israelitischen Kultusgemeinde wurde sie im November 1941 nach Minsk in der Sowjetunion deportiert und dort erschossen.

Von Jänner bis Dezember 1943 liegen 4 kleinformatige Tagebuch-Hefte (in Kopie) vor. Frances N. beschrieb darin täglich Ereignisse aus dem Verlauf des Zweiten Weltkriegs, die sie den britischen Medien entnommen hat. Persönliche Inhalte sind in den Einträgen nicht enthalten. Ihrer Erzählung nach wollte sie diese Aufzeichnungen später den Eltern übergeben.

Der Vorlass enthält weiters 5 Schreiben von Irma und Ferdinand H. an Verwandte, eine Bestätigung für Frances N. über ihren Dienst in der britischen Armee von April 1971, die Kopie des Hochzeitsfotos ihrer Großmutter von August 1882 sowie die Reproduktion einer Aufnahme von Frances N. in britischer Armeeuniform aus 1944.



Autobiografische Texte von Frances N. sind Teil des Bestandes der Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen.

Anmerkung:
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Die erste Sichtung der Quellen erfolgt in den Räumlichkeiten der Sammlung Frauennachlässe. Für die spätere Bearbeitung ist eine Aufstellung der Materialien in der Fachbibliothek für Geschichte möglich.

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