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Orte: Wien; Berlin, Braunschweig, Buchelsdorf, Codlitz, Crossen an der Oder, Dresden, Gleiwitz, Kurhessen, Haan, Holzkirch, Langenbrück (Mostowice), Magdeburg, München, Neustadt in Schlesien (Prudnik), Saarburg, Westphalia und (Bad) Ziegenhals in Deutschland; Steyl in den Niederlanden; Bern u.a. in der Schweiz; Sevilla in Spanien; verschiedene Orte in Togo; Kansas City, Pittsburgh und Servickley in den USA; verschiedene Orte an der Front im Ersten Weltkrieg u.a. Metz und Verdun in Frankreich u.a. Quellentypen: Korrespondenz (Familienkorrespondenz, Paarkorrespondenz, Kinderkorrespondenz, Freundinnenkorrespondenz, Korrespondenz aus der Migration, Korrespondenz mit Arbeitgeber:innen, Feldpost aus dem 1. Weltkrieg): 1.359 Schreiben (Briefe und Postkarten); 51 amtliche Dokumente; 179 Fotografien; Weiteres: 130 Katholische Devotionalien, 4 Gebetsbücher, Notizzettel, Zeitungsausschnitte, Dokumente von Vereinigungen von deutschen Migrant:innen in den USA, Geldscheine u.a. Zum Bestand: Schreiberin/Empfängerin: Thekla Elisabeth Kiefer (geb. Scholz), geb. 1888 in Langenbrück in Schlesien in Deutschland, gest. 1975 in Kansas City in den USA
Schreiber/Empfänger: Robert Josef Kiefer, geb. 1886 in Buchelsdorf in Schlesien in Deutschland, gest. 1935 in Kansas City in den USA
Übergeber:innen: Bob K., Marjorie M.-H., and Lisa W. (Enkelinder von Thekla und Robert Kiefer), 2021
Thekla Elisabeth Kiefer (geb. Scholz) ist mit 9 Geschwistern in einer ländlichen Umgebung in Langenbrück (Mostowice) in Oberschlesien aufgewachsen. Ihre Mutter bewirtschaftete einen kleinen Bauernhof, ihr Vater war Bahnwärter bei der Eisenbahn.
Wie jede ihrer Schwestern musste auch Thekla Kiefer bereits als junges Mädchen ihren Lebensunterhalt als Hausangestellte selbst verdienen. Ihre erste Anstellung hatte sie im Alter von etwa 10 oder 11 Jahren in der nahe gelegenen Kleinstadt Neustadt in Schlesien (Prudnik). „Dienst“ in der Landwirtschaft oder im Haushalt sowie die Fabrikarbeit waren damals in Europa und auch in den USA die gängigsten Beschäftigungsformen für arbeitende Frauen und Mädchen. Die Dienstmädchen lebten dabei in den Haushalten ihrer Dienstgeber:innen, wo sie einen Platz zum Schlafen und ihr Essen hatten - wofür sie aber bereits als junge Mädchen auch arbeiten mussten. Zwei von Thekla Kiefers Schwestern traten dann als junge Frauen in einen katholischen Orden ein. Eine von ihnen arbeitete als Nonne in Berlin, die andere war Klosterschwester in den Niederlanden und auch in der „Mission“ in Afrika.
Thekla Kiefers Brüder absolvierten Ausbildungen für spezialisierte Berufe. Drei von ihnen wurden Bierbrauer, einer Müller. Ihre Lehrjahre verbrachten die Burschen dabei jeweils an weit verstreuten Orten in ganz Deutschland.
Franz Scholz (1878-1959), einer der ältesten von ihnen, wanderte 1907 nach Kansas City aus. Die deutsch-amerikanischen Brauereien hier waren zu der Zeit legendär. Ihm folgten bald die zwei anderen Brüder, die Bierbrauen waren.
1911 beschloss auch Thekla Scholz, die große Überfahrt nach Amerika zu machen. Sie war jetzt 23 Jahre alt, in den USA arbeitete sie weiterhin als Dienstmädchen bei deutschsprachigen Familien.
Über ihre Freundin Thielchen (Ottilie) Reyhle (geb. Kiefer, geb. 1888) aus Schlesien hatte Thekla Kiefer ihren späteren Ehemann Robert Kiefer kennengelernt. Tielchen Reyhle war seit ihrer gemeinsamen Jugend eine Kollegin und enge Freundin von Thekla Kiefer - und sie war die Schwester von Robert Kiefer. Auch die Lebensgeschichten der Geschwister Kiefer waren von großer Mobilität geprägt. Sie waren (wahrscheinlich) in Crossen an der Oder aufgewachsen, 215 Kilometer nordöstlich von Breslau (Wrocław). Robert Kiefer arbeitete als Tischler und Musiker unter anderem in der Schweiz. Während des Ersten Weltkriegs war er Soldat in der deutschen Armee.
Nach Ende des Krieges im Spätherbst 1918 musste Robert Kiefer noch dreieinhalb Jahre warten, bis er 1922 die Erlaubnis zur Einreise in die USA erhielt - und Thekla Scholz dorthin folgen konnte. In der Zwischenzeit beschränkte sich ihr Kontakt auf Briefe und Postkarten. Sie hatten ihre Korrespondenz 1915 begonnen und sich in all den Jahren nie wieder persönlich getroffen. Als sie heirateten, war Thekla Scholz 34 Jahre alt, Robert Kiefer 36. Sie ließen sich in Kansas City nieder und wurden Eltern von drei Kindern.
Tielchen Reyhle war nach ihrer Zeit als Dienstmädchen in Deutschland beruflich ziemlich erfolgreich: Sie arbeitete jetzt in einem „Verkaufsbüro“ für eine Berliner Baufirma. Büroarbeit war am Beginn des 20. Jahrhunderts ein besonders attraktiver Beruf für junge Frauen aus der Arbeiter:innenklasse. Genauso wie das Leben in der Metropole Berlin. In den 1920er-Jahren folgte auch Tielchen Reyhle ihrer Freundin und ihrem Bruder in die USA, wo sie ebenfalls heiratete und eine Familie gründete.
Dank Thekla Kiefers lebenslanger Praxis, Briefe, Fotografien, Postkarten und Heiligenbildchen aufzubewahren, sind ihre Jugendjahre und die Familienkontexte in Schlesien gut dokumentiert, genauso wie ihre Migration, ihr späteres Leben in Missouri sowie das ihre Familie und Freund:innen auf beiden Kontinenten. Der schriftliche Nachlass von Thekla und Robert Kiefer in der Sammlung Frauennachlässe umfasst hauptsächlich ihren umfangreichen Korrespondenzbestand. Die zahlreichen Briefe und Postkarten dokumentieren dabei hauptsächlich die Migrationsgeschichten der Geschwister Scholz. Insgesamt handelt es sich um 1.359 Briefe und Postkarten, die Thekla Kiefer von ihren Geschwistern, ihrer Mutter Hedwig Scholz (geb. Müller), ihrem (späteren) Ehemann Robert Kiefer und ihren Freundinnen erhalten hat. Daneben sind auch zahlreiche Poststücke vorhanden, die sich ihre Geschwister gegenseitig geschrieben haben. Darüber hinaus liege 51 verschiedene amtliche Dokumente vor.
Bei den 179 Fotografien handelt es sich hauptsächlich um Porträt-, Gruppen- und Landschaftsaufnahmen.
Thekla Scholz bewegte sich Zeit ihres Lebens in einem gläubigen katholischen Umfeld. Dieser Kontext wird in ihrem Nachlass durch 130 katholische Devotionalien dokumentiert.
Dazu kommen einzelne Notizen, Zeitungsausschnitte, Dokumente von Vereinen deutscher Migrant:innen in den USA, Geldscheine usw., die sie ebenfalls gesammelt und aufbewahrt hat.
Im Jahr 2020 wurde die „Thekla E. Scholz und Robert J. Kiefer-Collection“ der zentrale Forschungsgegenstand eines kooperativen transatlantischen Online-Forschungsseminars und -projekts. Daran teilgenommen haben mehr als dreißig Studierende aus den Bereichen Geschichte, Public History, Europäische Ethnologie und Kunstgeschichte und vier Lehrende der Universitäten Hamburg, Wien, Wrocław, Missouri-Kansas City und Missouri-St. Louis.
Einblicke in die Ergebnisse dieses transatlantischen Projekts gibt die folgende Publikation: Andrew Stuart Bergerson, Li Gerhalter and Thorsten Logge (Hg.): From Langenbrück to Kansas City. The Kiefer-Scholz Family. German Migration to Missouri [2.0/2021], Hamburg 2021.
Das Buch enthält Mikrogeschichten, die von den Studierenden verfasst wurden. Es konzentriert sich inhaltlich auf die deutsch-amerikanische Familie Kiefer-Scholz und bietet dabei seltene Einblicke in die Erfahrung der deutsch-amerikanischen Migration und Akkulturation am Beispiel von Thekla Kiefer. Das Buch ist online frei verfügbar unter diesem Link: https://dx.doi.org/10.25592/gmm-2-2021 |