Archivgut Vorlass

Christl R. NL 209

1940-1947, 1996

Weitere Informationen

Einrichtung: Sammlung Frauennachlässe | Wien
Jahr: 1940-1947, 1996
Sprache: Deutsch
Beschreibung:

Orte: Bleiburg (Pliberk) in Kärnten, Graz und Pergg in der Steiermark, Tulbinger Kogel und Wiener Neustadtin Niederösterreich, Wien; Hamburg in Deutschland; Carrara in Italien; Lipno und Poznań (Posen) in Polen, unbestimmte Kriegsschauplätze im 2. Weltkrieg;


Quellentypen: Korrespondenz (Feldpost aus dem 2. Weltkrieg): 13 Schreiben; 21 amtliche Dokumente; autobiografische Aufzeichnungen: 2 Texte (1 Publikation/Zeitungsbericht, insgesamt 1,5 Seiten); 45 Fotografien


Zum Bestand: Schreiberin/Adressatin: Christl R. (geb. J.); geb. 1924 in Wien, gest. 2017 in Graz in der Steiermark

Besitzer: Kurt R.; geb. 1926 in Wien, gest. 2010 in Graz in der Steiermark

Besitzerin: Emilie Riedmüler (geb. N.); geb. 1904 in Deutsch-Altenburg, gest. 1986 in Wien

Übergeberin: Christl R., 2014



Christl R. (geb. J.) wuchs in sozialdemokratisch geprägter Umgebung in Wien auf. Ihre aus Hainfeld stammende Mutter war vor der Heirat Telefonistin in Lilienfeld gewesen. Der Vater aus Strebersdorf war Beamter im Exikutionsgericht in der Riedergasse, zum Zuverdienst arbeitete er auch in der Verwaltung des Theaters an der Wien. Die Familie lebte seit 1924 in einem neu errichteten Gemeindebau (u.a. im Rabenhof), später in einer großzügigen Wohnung in der Postgasse. Christl R. besuchte das Gymnasium in der Schüttelgasse im 2. Bezirk.

Während "Kälteferien" im Winter 1940 arbeitete sie freiwillig in der Wiener "Persil"-Fabrik, ebenfalls seit dieser Zeit engagierte sie sich im Bund Deutscher Mädel (BDM) und weiteren verschiedenen Organisationen für Mädchen und Frauen der NSDAP. Sie betreute Kindergruppen u.a. aus Hamburg und besuchte mehrmals in der Woche Verwundete in einem Wiener Lazarett. Vor der letzten Klasse war sie im Sommer 1941 für zwei Wochen gemeinsam mit ihrer besten Freundin Marta als „Gruppenführerin“ im „Warthegau-Einsatz“ in Poznań (Posen), um
‚deutschen‘ Familien bei der „Rücksiedelung“ zu unterstützen. Nach der Matura war Christl R. für zwölf Monate zum RAD in der Landwirtschaft in Bleiburg/Pliberk in Kärnten. Nach der Rückkehr nach Wien wurde sie kurzzeitig "Gruppenführerin" in einem Lehrlingslager in Lunz am See, ab 1943 schließlich "Jungmädchenbund"-Leiterin in Wiener Neustadt und Mitglied in der Organisation "Glaube durch Schönheit". Im Februar 1945 wurde sie in Schleswig-Holstein als "weibliche Beobachterin" von Telefonistinnen ausgebildet. Nach einer Erkrankung verbrachte sie längere Zeit in einem Spital in Berlin-Grunewald. Von Sommer 1945 bis Herbst 1946 arbeitete sie als Kellnerin in Grieskirchen in Oberösterreich. Wieder in Wien trat sie eine Stelle als Röntgenassistentin an.

1950 heiratete sie den Lehramtskandidaten Kurt R. (geb. 1926) und wurde Mutter einer kleinen Tochter. Die Familie lebte bei Christl Riedmüllers Eltern, ihr Ehemann trat im Herbst 1950 eine Stelle in Graz an. Christl R. arbeitete bis zur Geburt der zweiten Tochter 1952 im Krankenhaus, 1954 übersiedelte sie nach Graz, wo die beiden weiteren Kinder zur Welt kamen.

Die verschiedenen Stationen von Christl R. in Organisationen des NS sind anhand von 26 Fotografien dokumentiert, die sie zwischen 1940 und 1944 zum Teil selbst aufgenommen hat. Aus der "Persil"-Fabrik in Wien sind zwei Schnappschüsse erhalten, aus Poznan (Posen) 21 Bilder von der Bevölkerung und der Landschaft sowie vier Bilder von ihrer Mädchengruppe. Vom RAD-Einsatz in Bleiburg sind 44 Bilder vorhanden: 32 Bilder zeigen Funktionärinnen, das Lagerleben und verschiedenste Aktivitäten beim Handarbeiten, im Waschraum, beim Theaterspielen oder beim Musizieren, 10 Bilder die slowenisch-sprachige Familie, auf deren kleinen Bauernhof Christl R. eingesetzt war. Auf einem Bild ist Christl Riedmüllers Mutter zu sehen, wie sie während ihres Besuchs der Tochter bei der Feldarbeit half. Von einem Aufenthalt mit "Glaube durch Schönheit" 1943 am Tulbinger Kogel liegen ein Portrait und ein Gruppenbild vor, sechs weitere Bilder aus der Zeit aus Christl R. "Jungmädchenbund-Leiterinnen"-Zeit in Wiener Neustadt war.

Von den Korrespondenzen, die Christl R. im Zweiten Weltkrieg und teilweise auch noch lange darüber hinaus geführt hat, sind nur 13 einzelne Schreiben aus der Zeit von Mai 1941 bis Dezember 1944 erhalten. Diese wurden von fünf verschiedenen Soldaten u.a. aus Lipno in Polen und Hamburg sowie der "Lagerführerin" und dem "Lagerarzt" in Bleiburg an sie adressiert, mehrere wurden jeweils zu Weihnachten verfasst. Der Brief eines jungen Mannes von Juni 1942 ist auf einem selbst gebasteltem, langen Papierband geschrieben: "Edles Mädchen. Du siehst in mir einen sehr, sehr folgsamen Knaben. Wie Du siehst erfülle ich Dein heißes Flehen um einen langen Brief auf das Promteste. Daß er allerdings etwas anders ausfällt wie Du ihn erwartet hast, hast Du nun meiner guten Laune zu verdanken." Den Briefen und Postkarten der Soldaten liegen auch insgesamt 7 Portraitfotografien bei, Christl R. hat zudem Angaben über den Tod der Schreiber vermerkt bzw. die jeweiligen Parten beigelegt. Ein Brief wurde auch von der Mutter eines gestorbenen jungen Mannes verfasst.

Von Kurt R. sind zahlreiche amtliche Dokumente aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit vorhanden, die u.a. sportliche Leistungen, die Entlassung aus dem RAD und seine amerikanische Kriegsgefangenenschaft bis September 1946 in Carrara in Italien belegen.

Kurt Riedmüllers Mutter Emilie R. (geb. N., geb. 1904) war ab 1943 als Rot-Kreuz-Helferin in Wien im Kriegseinsatz, was anhand einer Portraitfotografie in Schwesterngewand und mehrerer amtlicher Dokumente belegt ist: u.a. dem "Dienstbuch" von August 1943, der Mitteilung zur "Heranziehung zum langfristigen Notdienst" von September 1943 sowie dem Bescheid über die Anhebung der Arbeitszeit von DRK-Helferinnen (Rot-Kreuz-Helferinnen) auf der "Verpflegestelle Ostbahnhof" von 24 auf 30 Stunden wöchentlich von August 1944.

In einem nicht datierten, handgeschriebener Text (1,5 Seiten) berichtet Christl R. über den Kauf eines Bildes des Malers Sergius Pauser, in einem Beitrag in der Zeitung NZ wurde sie 1996 von Wolfgang Maget über das Tragen von einem Zweiteiler als Badekleidung (später "Bikini") schon in den 1930er-Jahren interviewt.

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