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Das Paradies ist im Schatten der Schwerter

Verfasst von: Schwarzer, Alice info
in: EMMA
1981 , Heft: 9 , 28-29 S.

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Einrichtung: FrauenMediaTurm | Köln
Signatur: Z-Ü107:1981-9-a
Formatangabe: Porträt
Link: Volltext
Verfasst von: Schwarzer, Alice info
In: EMMA
Jahr: 1981
Heft: 9
ISSN: 0721-9741
Sprache: Nicht einzuordnen
Beschreibung:
Sie muß es in den bewegt-bewegenden Wochen des Pariser Mai 68 zu Ende geschrieben haben. In diesen Wochen, in denen so viele noch alles für machbar hielten, jetzt. In diesen kämpferischen Tagen und Nächten, in denen es um alles ging, nur um eines wieder einmal nicht: um die Frauen. In diesen Tagen und Nächten kämpfte Monique Wittig bereits ihren Kampf, entwarf sie auf dem Papier "les Guerillères", die Kriegerinnen/Guerillakämpferinnen. Das Buch erschien 1969 im Original und machte die französische Schriftstellerin mit einem Schlag zur literarischen Kultfigur der neuen Frauenbewegung. Kaum eine der wichtigen amerikanischen Theoretikerinnen, die nicht von Wittigs Figuren und Bildern fasziniert ist, sich nicht auf sie beruft. Zu recht, wie die nach elf Jahren vorliegende deutsche Fassung des Textes zeigt.

Wittigs Vision einer Welt von Frauen, die aufbegehren, kämpfen, leben, hat auch nach einem Jahrzehnt realem Frauenkampf nichts an Kraft, Kühnheit und Verführung verloren. Dennoch ist es gut, sich daran zu erinnern, daß sie dieses Buch noch vor der Existenz unseres neu artikulierten Bewußtseins schrieb. Monique kam damals von weit her. Lieber sterben, als forthin in dieser Erniedrigung dahinvegetieren.

"Sie sagen, daß die Unterdrückung Haß hervorbringt."

"Du bist weit davon entfernt, den Stolz der wilden Vogelweibchen zu besitzen, die, wenn man sie eingesperrt hat, sich weigern, ihre Eier auszubrüten."

"Das Paradies ist im Schatten der Schwerter."

Literarische Anerkennung bekam die Schriftstellerin Monique Wittig bereits 1964, als sie für ihr erstes Buch, "Opoponax", 1964 den hochrenommierten Prix Medicis erhielt. (Das Buch erschien damals bei Rowohlt, ist seit langem vergriffen und leider seither nicht wieder aufgelegt.)
Feministische Bewunderung erschrieb sie sich mit den "Guerilleres", sprachlich noch experimenteller als "Opoponax" und vielleicht genau das Gegenteil von dem, was heutzutage so gönnerhaft als "Frauenliteratur" betitelt wird. Monique Wittig ist reich an Wissen, Imagination, Schöpfungskraft und - Verzweiflung. Verzweiflung, die in Haß, und Haß, der in Kampfesmut umgeschlagen ist. So war es Anfang der 70er Jahre, als die Frauenbewegung (MLF) in Paris entstand, für Monique Wittig selbstverständlich, von der ersten Stunde an aktiv dazuzugehören. Gerade auch ihre Kühnheit, ihre Würde und ihre Liebe für Frauen haben den Pariser MLF mitgeprägt und ihm wesentliche Impulse gegeben. In dieser Zeit schrieb sie "Le corps lesbien" (Unter dem Titel "Aus Deinen zehntausend Augen, Sappho" im Amazonenverlag erschienen). Seit einigen Jahren lebt sie in Amerika.

Der deutsche Titel für "Les Guerilleres", "Die Verschwörung der Balkis", wird meiner Meinung nach dem Buch bedeutend weniger gerecht als der Originaltitel, denn er suggeriert Exotisches, Mythisches, irgendwo, weit weg. Monique Wittigs "Guerilleres" hingegen gehen auf der Suche nach ihrer Identität und ihrer Welt zurück und weit voraus, sie sind hier. Und sie sind soviel mehr als Verschwörerinnen. Sie sind Kämpferinnen. Kriegerinnen!

"Die Frauen bekräftigten siegesgewiß, daß jede Gebärde Umsturz heißt."

Die Erklärung des feministischen Frauenverlages für diese Titeländerung in einem Nachwort, nämlich das sprachliche Problem, die Wortschöpfung Wittigs zu übertragen (Guerilleres kommt von guerre - Krieg - und Guerilla), bleibt ungenügend."Kriegerinnen" scheint mir dann dem Originaltitel immer noch näher als Verschwörerinnen.

Das Unbehagen verstärkt sich bei der Lektüre des Klappentextes, wo es unter anderem heißt: "Hier wird eine Utopie entworfen, die nicht auf einem verbissenen Kampf gegen das männliche Geschlecht, sondern auf einer tröstlichen Gemeinschaft, auf dem Mut und der Würde der Frauen beruht." Dazu zwei Anmerkungen. Erstens: Seit wann distanzieren sich nun sogar schon feministische Verlegerinnen von dem sogenannt "verbissenen Kampf gegen das männliche Geschlecht"? Ich dachte bisher, solcherlei diffamatorische Töne seien Patriarchen-Art. Zweitens: "Mut und Würde", ja! Aber "tröstlich" ist Wittigs Frauengemeinschaft ganz sicherlich nicht. (Das Tröstlichsein brauchten wir uns auch nicht zu erkämpfen - diese Eigenschaft wird uns seit Jahrtausenden nur zu gerne zugestanden.) Kämpferisch ist sie, diese Frauengemeinschaft. Und das annehmen zu können, tut heute, im Jahre 1981, mindestens genauso not wie 1969.
Monique Wittigs Heldinnen sind keine Krankenschwestern, sie sind Amazonen. Guerilleras sind sie. Kriegerinnen.
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