in:
EMMA
1978
,
Heft:
12
,
42-43 S.
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Weitere Informationen
| Einrichtung: | FrauenMediaTurm | Köln |
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| Signatur: | Z-Ü107:1978-12-a |
| Formatangabe: | Bericht |
| Link: | Volltext |
| Verfasst von: | Schott, Caren |
| In: | EMMA |
| Jahr: | 1978 |
| Heft: | 12 |
| ISSN: | 0721-9741 |
| Sprache: | Nicht einzuordnen |
| Beschreibung: | |
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Was ist los am Frauen-Stammtisch? (EMMA 12/1978, S. 42) Erika Etminan aus Ratingen machte den Anfang: Unter dem Titel "Frau, bin ich mutig!", rief sie in der EMMA vom Oktober letzten Jahres zum ersten Stammtisch für Frauen auf. Die Idee schlug ein, inzwischen gibt es sie dutzendweise, diese Frauenstammtische. So auch in Bonn. Da lasen Aino und Anne, zwei Studentinnen, Erikas Aufruf und waren begeistert. "Zuerst wollten wir zu ihrem Stammtisch fahren, aber dann haben wir uns gesagt: Machen wir doch gleich selber einen!" Die beiden Freundinnen wußten aus eigenen Erfahrungen, daß viele Frauen Spaß an einem solchen Treffen hätten, sich aber nicht recht trauten. Das Bonner Frauenforum schien vielen "zu organisiert", nur für schon "Fortgeschrittene". Und wohin mit denen, die "erst mal gucken", "nur mit Frauen reden" wollten? Seit November vorigen Jahres tagt nun der Bonner Stammtisch jeden zweiten Montag. Nachdem die Frauen schlechte Erfahrungen mit zwei anderen Kneipen gemacht haben, fühlen sie sich jetzt wohl im "Hoppegarten" am Jagdweg: Die Kneipe liegt günstig und ist "urgemütlich". "Ich hatte das Gefühl, mir fehlen die Füße. Ich kann nicht mehr laufen. So war ich verunsichert, allein, ohne ihn. Hier traf ich Frauen, denen es ähnlich ging. Wir haben einander bestärkt, aufgemuntert, schon durch das Wissen, nicht allein mit solchen Problemen dazustehen", erzählt Karin. Sie ist 34 Jahre alt und lebt alleine mit ihrem Kind. Sie arbeitet im Verband Alleinstehender Väter und Mütter und kämpft gerade um die steuerliche Gleichberechtigung Alleinstehender mit Kindern. "Denn wir sind schließlich Mutter und Vater gleichzeitig, darum müssen wir auch steuerlich wie eine Familie behandelt werden!" Hier am Stammtisch möchte sie eigentlich nur schwätzen, Ideen austauschen. "Wenn ich sonst in einer Kneipe an der Theke stehe, finde ich keine echten Kontakte, weil alle meistens schrecklich verklemmt sind. Hier fühle ich mich wohler, hier sind alle freier." Aus ähnlichen Motiven kommt auch Margret, eine 28jährige Krankenschwester. "Ich muß mich nicht in Schale schmeißen, brauche mich nicht zu schminken. Wenn ich hierher komme, bin ich willkommen, so wie ich bin! Außerdem fällt der Zwang, unbedingt jemanden aufzureißen, hier einfach weg." "Mal ansehen" Bettina ist erst 20 Jahre alt, Psychologiestudentin. Sie kam mit Maria, "um sich das mal anzusehen". Inzwischen fühlt sie sich wohl am Stammtisch. "Es ist interessant für mich, älteren Frauen zuzuhören, ihre Erfahrungen kennenzulernen. Das stärkt das Bewußtsein." Gisela ist 34, hat zwei Kinder und hat vor kurzem in Bonn den Frauenladen "Frauenzimmer" neu eröffnet, nachdem sie zuvor von einem männlichen Partner "bös' hereingelegt" worden war. Sie verkauft vor allem Selbstgebasteltes, -genähtes, -gemaltes und -gestricktes von Frauen. Maria will demnächst aktiv im Bonner Frauenhaus mitarbeiten, nach ihrem Studium möglichst hauptberuflich. Sie alle helfen heute einander mit vielen "Kleinigkeiten", wie Katzenbetreuen, auf Babies aufpassen oder - einfach nur Zuhören. Besonders beliebt ist die 32jährige Irma, der man die sechs Kinder und die ehelichen Schwierigkeiten nicht ansieht auf den ersten Blick. Irma war 18, als sie schwanger aus Frankreich zurückkam. Ihr Mann brach sein Theologiestudium wegen der folgenden Kinderschar ab. Das blieb als stiller Vorwurf . . . Das siebente Kind wurde nicht geboren. Seit Irma Gisela und ihr "Frauenzimmer" kennt (sie näht für sie), wagt sie ein bißchen Selbständigkeit, seither kriselt es auch offen in der Ehe. Was sie zu berichten hat von dem Psychoterror zu Hause, macht uns wütend. "Da mußt du doch raus", ereifern wir uns. "So einfach ist das nicht", erklärt sie, "er wird versuchen, mir die Kinder auseinanderzureißen, drei zu ihm, drei zu mir." Nicht einfach "Angeschmiert" in ihrer Ehe fühlt sich auch Svea, sie hat zwei Kinder. Hier am Stammtisch erfährt sie, daß ihre Sehnsucht nach mehr Lebensinhalt vollkommen legitim ist. Und so wagt sie heute, energisch zu sagen: "Ich will nicht noch 25 Jahre nur vor dem Fernseher hocken!" Solidarität, Anteilnahme, Unterstützung, beginnende Sicherheit, sacht wachsendes Unabhängigkeitsbestreben, wachsender Mut und tastende Versuche in eine geistige Eigenständigkeit - all das traf ich bei den Stammtisch-Frauen. Dasselbe erzählte Erika, als ich sie in Ratingen besuchte. Erika, die "geistige Mutter" der Frauenstammtische, also auch des Bonner Kreises. Eigentlich hatte ich über Erika und ihren Stammtisch berichten wollen. Ihre Antwort am Telefon: "Der Stammtisch? Der hat sich schon längst wieder aufgelöst . . ." Um den Grund zu erfahren, die Fehler zu suchen, saßen wir schließlich zusammen, Erika, Anne, Walli und ich. Drei von sechs Frauen, die vom Stammtisch "übriggeblieben" sind, sich oft treffen, schreiben oder telefonieren. "Da kann doch von Auflösung wohl nicht die Rede sein", sage ich, "es geht doch sozusagen im Wohnzimmer weiter." "Stimmt", meinten sie selbst verblüfft. Wieder anfangen Erika erzählt: "Zuerst lief der Stammtisch großartig, auch, weil uns die Düsseldorferinnen tatkräftig unterstützten. Aber dann ging es irgendwie auseinander." Ein Grund war wohl eine der Frauen, die zu dominant auftrat, andere verschreckte, kein Gespräch zwischen den Frauen aufkommen ließ und so jede Initiative im Keim erstickte. Das Zeitproblem war ein anderer Grund. Denn, darüber sind wir uns einig: Ein Frauenstammtisch braucht zu Anfang einen gewissen Kern, zwei, drei Frauen, die sich kennen und am besten auch schon Erfahrungen in anderen Gruppen gesammelt haben. Mindestens eine von diesen Frauen sollte zuerst immer dabei sein. (Beispiel Bonn: Inzwischen läuft der Stammtisch auch ohne Aino und Anne, die beiden Gründerinnen.) Erika: "Die Frauen kamen auch mit einer gewissen Erwartungshaltung zum Stammtisch. Sie glaubten, es liefe ein Programm ab. Das hat uns ziemlich überfordert und sollte auch nicht der Sinn der Sache sein." Dennoch sind ihr Freundschaften und Kontakte vom Stammtisch geblieben, Walli und Anne sind da - das ist doch schon der Kern, der beim ersten Mal fehlte. Erika schaut einen Moment nachdenklich aus und meint schließlich: "Warum also nicht neu beginnen?" Schon sind die drei Frauen mitten in der Diskussion um die praktischen Dinge: Wann sie wieder anfangen wollen, daß sie diesmal eine schönere Kneipe wählen werden, wie sie es besser zeitlich regeln können, wie sie die Frauen von Ratingen besser erreichen können… Wenn mich nicht alles täuscht, gibt es spätestens im Winter auch in Ratingen wieder einen Frauenstammtisch. CAREN SCHOTT |
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